MARS (eine Moritat)

 

 

Im Jahre des Herrn 1900 und z

entbrannte auf Erden ein heftiger Krieg,

und man wusste schon nach kurzer Zeit, wer den Sieg

davongetragen hätt.

Da rief einer der Schwachen die Seinen zusammen,

Krieger, Greise, Kinder und Ammen,

um an düsterem Ort

mit folgendem Wort

ihren Mut wieder neu zu entflammen:

 

"Büder, hört! Hinieden

ist uns nur der Tod beschieden.

Darum lasst und fliegen zu einem anderen Stern!

Wir haben gute Raketen.

Musik her, vor allem Trompeten!

So schnell zu verrecken liegt uns fern!

Wir wollen fliegen mit Frau und Kind,

heut bläst ein günstiger Fahrtenwind."

 

Es war so still,

dass man hörte, wie eine Nadel zu Boden fiel.

 

Dann rief ein Frau: "Ach, mein Vaterland!

Sie schwang die Fahne in der Hand.

Ein Kind küsste seinen Teddybär.

Mit feuchten Augen sprach es: "Und er?"

Eine Grossmutter flüsterte: "Jesses Christ!

Ist es wahr, dass es so weit gekommen ist?"

Und der steinalte Pfeifenraucher spie

ein letztes Mal aus und ging in die Knie.

 

Und so fort, und so fort...

Noch einmal verlangte der Redner das Wort.

Es war so still,

dass man hörte, wie eine Nadel zu Boden fiel.

 

"Leute, wisst! In manch schlafloser Nacht

hab ich`s mir sorgfältig ausgedacht,

den günstigsten Stern für uns ausgesucht:

Er heisst MARS: der Krieg - der Krieg sei verflucht!

Bei euch allein liegt jetzt die Entscheidung.

Wenn ihr fliegen wollt,

zerreisst zum Zeichen dafür eure Kleidung!

Besteigt die Raketen splitternackt,

so sind auch die Koffer schon gepackt!"

 

Sprach es und riss dem erstbesten Weib

als Zeichen voran die Kleider vom Leib.

Es war so still,

dass man hörte,

wie das hauchdünne Höschen zu Boden fiel.

 

Da begann ein wildes Jedermann-jeden-entblössen,

der Böse den Guten, der Gute den Bösen.

Man glotzte sich an,

der Mann das Weib, das Weib den Mann.

Und nicht minder besgeistert

waren die Kinder.

Es tobte, wütete ungeheuer.

Es war so laut,

dass man glaubte, es würde der Turm zu Babel gebaut.

Kleid warf man auf Kleid und legte Feuer.

Und als sich schliesslich alle nackt gegenüber standen,

geschah es, dass sie Scham empfanden.

 

Ein Mädchen bedeckte die schneeweisse Brust.

Soldaten schrieen nach einem Tuch.

Die alte Hure stiess einen Fluch

zu den wartenden Sternen aus vor Lust.

Ein Greis rieb sich die Hände wund.

Und die schon nicht mehr ganz so kleinen

Kinder spürten es zwischen den Beinen.

Der Pfarrer tat ihnen Vergebung kund.

Die Grossmutter stöhnte: "Jesses Christ!

Ist es wahr, dass es so weit gekommen ist?"

 

Und so fort, und so fort...

Und wieder verlangte der Redner das Wort.

Es war so still, dass man hörte,

wie die Grossmutter in sich zusammenfiel.

 

"Freunde, bedenkt! Der Fahrtenwind blies

schon manchen zurück ins Paradies,

der sich, gleich den zierlichen Affen,

daran erfreute, wie Gott ihn erschaffen.

Lasst uns beten!

Wollen wir uns dankbar zeigen

für das reine Glück!

Und im selben Augenblick

unsere Raketen

im Schweigemarsch besteigen!"

 

Da war es so still,

dass man hörte,

wie vom Auge des Redners

eine Träne zu Boden fiel.

 

Schweigend,

höchstens noch mit einem kleinen

Finger aufeinander zeigend

bestieg der Tross

eisernes Ross

um Ross.

 

Und zum Zeichen,

dass hier einst ihre Heimat gewesen,

überliessen sie dem Verwesen

Grossmütterchen und den Pfeifenraucher als Leichen.

 

Dann wurde es so laut,

dass man glaubte, die Erde führe aus ihrer Haut.

Und die Raketen flogen

in stolzem Bogen

zu den fernen

Sternen.

 

Heute ist es in dem Land so still,

wie man es auf den Friedhöfen haben will.

 

 

 

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 Rudolf Mettler

 Zürich, im März 1970

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