DER GOBELIN von Rudolf Mettler


LIED zum GOBELIN

 

Stich um Stichlein,

Stund` um Stunde,

Farb` um Farbe

wird zum Bild,

 

Schlafe, Liebster!

In Gedanken

lebst du weiter

sanft und - ja, ja! - wild.

 

Mein Gobelin,

dein Gobelin...!

 

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SIE ARBEITET EZÄHLEND AN EINEM GOBELIN

 

Eine schöne Arbeit, so ein Gobelin...

-

Was könnt Ihr schon wissen, wie das ist, mit einem Mann wie

dem Albert sein Leben verbracht zu haben...an seiner starken

Seite...

Ja, ja, der Albert...

Er hat es Ihnen gezeigt, jeweils...ihm wagte keiner frech zu

kommen. keiner, auch kein Starker...weil der Albert der

Stärkste war...zum Kopf haben sie ihn gemacht, wo immer er

hinkam..."gemacht" ist gut... sie konnten gar nicht anders, er

war einfach der Kopf...und er duldete keine anderen Köpfe

neben sich...er hätte sie allesamt aufgefressen mit seinen

schneeweissen Zähen...die eigenen Zähne hatte er bis zum

Schluss, und nicht einer war geflickt...er hat stets gesagt: "Wenn

du einem die Zähne zeigen willst, dann müssen es die eigenen

sein"...das hat er immer gesagt, und dabei hat er gelacht, dass es

ganz weiss aufblitzte im Zimmer...manchmal hat er mich auch

ein wenig gebissen...wie wenn er sagen wollte: "Ich könnte dich

auffressen, so gern hab ich dich"...ja, das hat er wohl sagen

wollen, wenn er mich so leicht biss...hier...oder hier bei dem

Leberfleck...das war mir einer, der Albert...ein Schlimmer...

-

Als ich ihn kennenlernte, war ich noch nicht sechzehn...das war

ihm gerade recht..."So jung und formbar", hat er gesagt...das

war vielleicht das einzige Mal, dass er sich täuschte...mit dem

`formbar`meine ich...man hat ja als Frau mit sechzehn so seine

Idee, was aus einem werden soll...aber kennengelernt hat er

mich doch...und erst noch sehr gründlich...wir haben uns am

zweiten Tag beinahe die Köpfe abgebissen über der Frage, ob 

der Mensch nach dem Tod irgendwie weiterlebe...oder

nicht...

jetzt weiss er`s...

-

Manchmal denke ich schon, dass ich vielleicht ein bisschen

einsam bin so ganz ohne ihn...aber dann sage ich mir immer: "Du

hast ja noch gar keine Zeit gehabt, dich ans Aleinsein zu

gewöhnen, wie willst du da schon wissen, ob`s gut ist, oder

schlecht"...und ausserdem ist er auch noch ein bisschen da...

auf dem Buffet im Glasrahmen...in der Vitrine mit den vielen

Schützenmedaillen und den Kränzen...wie die auf seinem Kopf

aussahen...und in der Schatulle, aus der er nach jedem Essen

einen seiner Lieblingsstumpen nahm...das Gläschen Veltliner

trinke ich jetzt halt für ihn...wo er`s doch nicht mehr kann...

wenn`s wahr ist...

-

Einmal, als wir etwa drei Jahre verheiratet waren, hat er mich

gefragt, ob wir nicht ein Kind haben sollten...es ist nichts

daraus geworden...der Liebe Gott hat`s nicht gewollt...er

wird schon gewusst haben, warum...aber dem Albert ist das

sehr nah gegangen damals...er war eben so ein richtiger

Kindernarr...Da haben wir denn eines angenommen, ein

schwaches, verschupftes Würmlein, und als es nach einem

halben Jahr die Kinderlähmung bekam, konnten ihm alle

Arztkünste der Welt nicht mehr helfen..."Siehst du", habe

ich zu Albert gesagt, "Es soll nicht sein"... und er musste es

einsehen...

Da hat er sich dann dafür mit doppeltem Eifer in die Arbeit

gestürzt...mit irgend etwas musste er das Loch in seinem

Herzen ja ausfüllen...da hat er sich dann dafür mit viel Liebe

und Hingabe seiner Arbeit gewidmet...die im Geschäft haben

immer gesagt: "So einen wie den Albert gibt es keinen

Zweiten mehr"...pünktlich und exakt war er... zuverlässig wie

ein guter Hund...und dabei hat er mich nie vergessen...

zwedreimal im Jahr brachte er mir aus der Stadt eine grosse

Pralinenschokolade mit nach hause...eine von den teuren...

aber das hat er nie gesagt, auch nicht im Streit...nun ja, um

sich nicht zu vergessen, muss man sich wohl von Zeit zu Zeit

ein wenig streiten...das kommt schon wieder in Ordnung...

mit so einem, wie der Albert einer war...

-

Nach dem Nachtessen spielten wir manchmal noch eine Partie

Domino...am Samastag Abend vielleicht zwei..."Du spielst nicht

gut", hat Albert immer gesagt zu mir,...in Wirklichkeit aber hat

meistens er verloren...das konnt er doch nicht zugeben...so

gab ich ihm denn jeweils zur Antwort: "Ich weiss"... und

während ich dies sagte, legte ich den entscheidenden Stein...

wir hatten eine Dominokasse. ein kleines, schmuckes Ding, mit

einem fein verzierten Schlitzlein...der Verlierer bezahlte einen

Fünfer...oder einen Fünfziger, wenn er den Humor nicht ganz

verloren hatte...und wenn das Kässelein nach einem Vierteljahr

wieder einmal voll war, leisteten wir uns an einem Sonntag

einen Coupe Dänemark im Im Resraurant `Aussichtspunkt`...

das war immer sehr schön...

-

Wir hatten aber nicht jeden Abend Zeit für das Dominospiel...

pünktlich und exakt ging er jeden Dienstag gleich nach dem

Nachtessen aus dem Haus..."Gute Nacht, Schatz", sagte er...

"Schatz"...und drückte mir einen flüchtigen Kuss auf die

Stirne...er war eben schon beim Kegeln...und bevor er die

Haustüre hinter sich abschloss, sagte er noch: "Ich wecke

dich, wenn ich zurück bin"...dann war es still im Haus...ich

setzte mich mit dem Flickzeug in den grossen Ohrensessel, in

dem er sonst sass, und machte mir beim Flicken und ein wenig

Radiomusik meine ganz eigenen Gedanken, bis ich müde

wurde...das war mein Dienstag Abend...

-

An einem Dienstag ging Albert nicht zum Kegeln...dem Wirt war

die Mutter gestorben, und er vermietete in der Trauerwoche

die Kegelbahn nicht...an jenem Abend habe ich lange mit

Albert geredet...ich habe ihn gefragt, was denn an dem groben

Sport so interessant sei...er hat mir geantwortet, ich verstünde

nichts von dieser Art Feinheiten, die wären eben ausgesprochen

männlich...und dann haben wir noch über vielerlei anderes

geredet...und dann hat mir der Albert männliche Feinheiten

gezeigt, die verstand ich sehr gut...

-

Er hatte einen Freund, den Alphons...Albert, Alphons..."Ich habe

nur einen wirklichen Freund, den Alphons", sagte er oft, "Der

geht mit mir durch Dick und Dünn"...das sind sie auch gegangen

zusammen...wenn der Alphons bei uns zu Besuch war, waren die

die Nächte zu kurz...kurz nach Mitternacht ging ich zu Bett...

dann müssen sie es zusammen gegangen sein...ich habe nie auch

nur versucht, zu verstehen, was durch die Wand drang...sie

gingen im gleichen Monat...

-

Ich hatte die Marie zur Freundin...die Marie mit ihren ewigguten

Nachrichten...und ihrem langweiligen Glück...nichts liess sie

gelten, was ihr widersprach...sie redete viel von Toleranz und

meinte damit wohl ihr grenzenloses Einberständnis, vorallem mit

Ihresgleichgen...ich habe sie trotzdem gemocht...wir kannten uns

zu gut...aber plötzlich begann sie über den Albert zu schimpfen,

und dann über mich, und überhaupt über jedermann...da war

für mich die Marie schon bald tot...sie lebt noch...

-

Also hatte ich keine Freundin mehr und lebte nur noch für den

Albert...ich kochte ihm seine Liebslingsgerichte...Kutteln mochte

er besonders gern...ich habe Kutteln lange nicht gemocht...ich

strickte ihm quergestreifte Socken...und schaute mir in seinem

geliebten Garten jedes Sträichlein genau an, um ihm auch sagen

zu können, welches mir am besten gefiel...

Sein Garten...der Albert und sein Garten...ich habe mich oft

in welchen Stunden er ihn besorgte...mir schien es doch, wir

wären jeden Augenblick, in dem er nicht im Geschäft war,

zusammen...und doch war der Garten immer in bester Ordnung...

vielleicht wuchs bein uns kein Unkraut...das konnte ja gar

nicht sein...und jemand musste den Komposthaufen angelegt

haben...und den Mist um die Rosen...und dann der aufgepfropfte

Apfelbaum...ein bisschen konnte der Albert wohl zaubern...er

hat immer gesagt: "Wenn ich einmal pensioniert bin"...und dann

liess er sich nicht pensionieren...

-

Nur in dem Sommer, als wir zehn Jahre verheiratet waren,

benahm sich der Garten nicht wie gewohnt...auch sonst war

vieles anders als in den anderen Jahren...wir redeten schneller

miteinander...ich zerschlug mehr Geschirr als in meinem ganzen

bisherigen Leben...er ging oft abends noch aus dem Haus...

"Zum Herr Pfarrer", sagte er jedesmal auf meine Frage, "Ich habe

etwas Wichtiges mit ihm zu besprechen, etwas das mir Sorgen

macht"...ich habe ihn nicht mit weiteren unnötigen Fragen

plagen wollen...und im Jahr darauf war alles wieder wie zuvor...

nur schöner...

-

Dann kam ein grosse Zeit...unsere Schützen bereiteten sich auf

einen Wettkampf mit den Schützen aus dem Nachbarland vor...

nur die besten sollten mitreisen dürfen, und das gab viel böses

Blut...der Albert hat sich mit seiner ganzen Kraft für den

Frieden eingesetzt...aber der trat erst wieder ein, als unsere

Delegation mit einem Sieg auf den stolzen Häuptern in die

Heimatstadt zurückgekehrt war...für mich war das Schönste

nicht der Sieg...nein...er hat mich ins Ausland mitgenommen,

der Albert...ich war die einzige Frau unter all den Männern...

wir hatte lange gespart für mein Reisegeld und für meine

Unterkunft...und dann...das war etwas...die Grenze...die so

anders aussehenden Häuser...die fremde Sprache und die

ungewohnte Kost...nur...beim Albert wollten sie mich nicht

wohnen lassen...es störe die Konzentration vor dem Kampf...

da het er sich denn halt einen kleinen Scnupfen geholt...

vor dem Kampf...und den sachgerecht zu kurieren, war

keiner seiner Kameraden im Stande...

 

SIE BETRACHTET DEN GOBELIN.

 

Eine schöne Arbeit, so ein Gobelin...man stickt und stickt,

in vielen Farben, und wenn dann das Ganze vor einem liegt,

sind die schmerzenden Hände vergessen, und es ist, als

hätte es dieses Bild schon ewig gegeben...

 

SIE SCHIEBT DIE ARBEIT FÜR EINEN AUGENBLICK BEISEITE,

SCHAUT IN DEN SPIEGELUND LEGT SICH NEUEN PUDER AUF.

DANN BEGINNT SIE WIEDER ZU STICKEN.

 

Wie sich die Farbpunkte zusammenfügen...wie viele Stufen

sind zwischen Rosa sind und Rot...

"Mein liebster Albert", habe ich ihm geschrieben...das war,

als er an der bedrohten Landesgrenze stand..."Mein liebster

Albert...jetzt, da du nicht bei mir bist und ich viel Zeit damit

verbringe, mir dich vorzustellen"...ich weiss noch , was ich

schrieb, wie wenn es gestern gewesen wäre..."Jetzt erst

spüre ich, aus wieviel kleinen und allerkleinsten Teilchen

Du, mein starker, tapferer Mann, zusammengesetzt bist"...

das ist wahr..."Mit jedem meiner Gedanken an Dich

entdecke ich neue...und doch weiss ich, dass ich aus

meiner Erinnerung nur ein lückenhaftes Bild von Dir

zusammentragen kann...wie unfassbar gross muss also das

sein, was mir in der Erwartung, Dich bald wieder gesund und

ganz vor mir zu sehen, beinahe das Herz im Leibe stehen

lässt"...das schrieb ich ihm...und etwas wie "Liebe Grüsse

noch...

Seine Antwort war kurz   "Liebste, bei uns alles in Ordnung...

der Feind scheint uns noch einmal verschonen zu wollen...

vergiss bitte nicht, über Nacht die empfindlicheren Rosen

zuzudecken...in Gedanken bei Dir...Albert"...es blieb dann

gottlob nicht nur bei den Gedanken...

-

Aber auch wir sind nicht verschont geblieben...vom Krieg

zwar schon...doch kaum war der zu Ende, und man hatte

noch nicht einmal erfassen können, wieviel Unheil er auf

der ganzen Welt angerichtet hatte, geschah es...

mitten an einem Nachmittag läutete die Hausglocke

zweimal kurz...."Die Post", dachte ich...und noch zweimal,

und dann lang anhaltend, und dann schlug jemand mit

den Fäusten gegen die Tür...ich erschrak und ging schnell

öffnen...der Alphons stand vor mir...kreideweiss im ganzen

Gesicht..."Was ist", fragte ich, "Ist etwas Schlimmes passiert,

Alphons?"..."Der Albert", presste er hervor, "Den Albert hat`s

erwischt...schlimm geht`s ihm", konnte noch heraushören...

das hiess, dass er lebte...wir fuhren hin...ich dem Alphons

hinten auf dem Fahrrad...unterwegs schrie er mir über die

Schulter zu, was geschehen war..."Ein Kran hat geschwenkt,

Eisenbalken im Greifer...Albert auf dem Weg zur Kantine...

sicher auf die Uhr geschaut...Albert...am rechten Arm

erwischt...durch die halbe Halle geschleudert"...

ich lielt mich fest am Fahrradsattel...dann waren wir dort...

der Arm war schlimm dran..Albert lächelte...

-

In der ersten Zeit zu Hause hat er viel gelesen...jede

Bewegung bereitete ihm Schmerzen..."Lesen kann ich

trotzdem noch ohne Brille", sagte er...also las er...und ich

auch...er vorwiegend in der Zeitung, ich in der Bibel...wir

haben dann jeweils ausgetauscht, was wir Neues wussten...

-

Eines Tages sagte der Albert: "Ich muss jetzt wieder etwas

tun"...da legte er sich eine Sammlung an...alles so kleine

Dingelein, durch den seltenen oder den häufigen Gebrauch

verändert..."Das liegt auf der Strasse", sagte er und machte

lange Spaziergänge...wieder zu Hause, zog er sich in seine

Kammer zurück, um die neuen Schätze einzuordnen...und

manchmal, wenn etwas Besonderes hinzugekommen war,

zeigte er mir die Sammlung...mir sagte das eigentlich nicht

viel...da muss man das Auge haben dafür...wer es auf der

Strasse, wo es herumliegt, nicht findet, dem kann`s auch

nicht viel sagen...aber die Sammlung war ganz der Albert...

-

Durch die regelmässigen Spaziergänge und das regelmässige

Sichbücken, wenn er etwas von der Strasse auflas, erholte

er sich schnell...nach Möglichkeit tat er alles mit seinem

verletzten Arm...der Albert...das ganze Hausdach hat er neu

unterschindelt...im Garten hat er neue Platten gelegt..."Das

war schon lange fällig"...überhaupt war jede Arbeit, die seinen

Arm überforderte, "schon lange fällig"...auch dass ihm der Arzt

endlich erlaubte, wieder ins Geschäft zu gehen...

-

An seinem Geburtstag haben wir dann ein richtige Fest gefeiert,

der Alphons...und er...und ich...

-

Nie hat mich der Albert liebevoller umsorgt, wie in den Jahren

nach dem Unfall...er zeigte mir, wer wen zu beschützen hatte...

seiner Meinung nach...und als ich es einmal wagte, etwas von

Vorsorge zu sagen, wurde er richtig böse..."Was glaubst du, wie

ich schon dran bin", schrie er mich an...ich versuchte, ihn zu

beruhigen, aber fuhr fort..."Vorsorgen sind Sorgen vor den

Sorgen, und die machen sich nur die Dummen"...erst als ich

mich ganz dumm stellte, wurde er wieder lieb und sanft...

-

Wir haben eine unbeschwerte Zeit verbracht...ich weiss kaum

mehr etwas davon...doch...einmal fiel der Strom aus, gerade

als ich kochen  wollte...und der Albert redete viel und oft von

Fortschritt..."Im Geschäft", sagte er..."Aber mich können sie

immer noch brauchen"...ich habe ihm eine so richtig warme

Jacke gestrickt und gesagt, es seien doch alles seine

Lieblingsfarben...und unser Briefträger starb...und der neue

brachte in der ersten Woche jedem die Post des Nachbarn...

bis man ihm Nussgipfel und Kaffee versprach als Lohn für

genaue Arbeit...ich weiss nicht einmal mehr, auf wieviele

Jahre sich alle diese Vorkommnisse verteilten...bis etwas

ganz Ungewöhnliches geschah...

-

An einem Freitagabend kam der Albert nach Hause...das

Nachtessen rührte er kaum an...mir hatte schon der ganze

Tag keinen Spass gemacht, ohne dass ich hätte sagen

können, weshalb..."Wir fahren in die Ferien", sagte er,

als er schon zum dritten Mal versuchte, seinen Stumpen

anzuzünden...Ferien...dann haben wir doch noch alles

aufgegessen, was auf dem Tisch stand...er hat seinen

Stumpen geraucht...wir haben auch zwei Partien Domino

gespielt...

-

WIr fuhren in die Berge...wir hätten ebensogut ans Meer

fahren können...oder in die Wüste...aber wir fuhren in die

Berge..."So viele Steine", sagte der Albert immer wieder...

"So viele Steine machen einen Berg"...und..."Ich möchte

einmal auf einen ganz hinaufsteigen...von einem Punkt aus

nach beiden Seiten schauen können...der Aufstieg wäre

vielleicht mühsam...aber einmal oben, sind dann die

schmerzenden Füsse vergessen, und es ist, als hätte man

schon ewig auf diesem Gipfel gestanden"...das schrieb er

auch auf eine Postkarte...an dem Alphons...

-

Wir kehrten füher als vorgesehen nach Hause zurück...ich

war ausgeruht...dem Albert fehlte zuviel...

 

SIE STICKT LANGE WORTLOS.

 

Wir waren uns sehr ähnlich...und doch wieder nicht...man

gleicht sich aneinander an in so vielen Jahren...das ist es

denn auch, was einem teilweise die gleichen Gesichtszüge

verleiht...das sind die gemeinsamen Sorgen und Freuden...

aber eben nur teilweise..."Alles andere ist Sektierei", hat

der Albert immer gesagt...wie recht er manchmal hatte...

-

Ein paar Wochen nachdem er die Arbeit wieder aufgenommen

hatte, begann ich zu verstehen...deshalb waren wir in die

Ferien gefahren...deshalb hatten sie ihn in die Ferien

geschickt...es fällt nicht leicht, wenn es zum erstem Mal

geschieht, dass andere über einen verfügen...ich habe mit

Albert nie darüber geredet...er war am Abend auch immer zu

müde..."Mach mir schnell etwas zu essen, ich möchte schlafen

gehen"...das war neu für mich...ich brauchte einige Zeit, um

mich daran zu gewöhnen...ich sass dann oft noch alleine im

Wohnzimmer...ich hätte grosse Lust gehabt, zu arbeiten, aber

es fehlte mir der Mut dazu..."Er liegt jetzt oben", ging es mir

immer wieder durch den Kopf, "Und ich sitze hier"...so legte

ich mich denn auch schlafen...legte mich hin...

 

SIE BETRACHTET DEN GOBELIN.

 

Während Monaten scheinen die kleinen Stiche wahllos

verstreut...und plötzlich, in einem einzigen Augenblick,

fügen sie sich zum Bild zusammen...

 

SIE LEGT DIE ARBEIT IN IHREN SCHOSS.

 

Es stand schlechter um ihn, ales er zugeben wollte...

"Bald ist unser Hochzeitstag", sagte er immer öfter, wenn

er sich am Morgen mühsam erhob..."Ein schöner Tag"...an

unserem Hochzeitstag habe ich ihm einen Brei gekocht...

er hat ihn kaum angerührt...es schien bald soweit zu sein...

 

SIE BETRACHTET DEN GOBELIN.

 

Die weisse Bettdecke...ein letztes Sichaufbäumen..."Spiel

Domino mit mir"...wer legt den letzten Stein..."So viele

Steine machen einen Berg"...das weisse Kissen..."Einmal von

einem Punkt aus...nach beiden Seiten schauen"...sein weisses

Gesicht...Albert...

 

SIE NIMMT DIE ARBEIT WIEDER AUF.

 

Wie das ist...mit einem Mann wie dem Albert sein Leben

verbracht zu haben...

-

Eine schöne Arbeit, so ein Gobelin...

 

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                                        - FIN -